
»Deine Worte, Taten und Musiken klingen in unserem Leben weiter.«
Am 3. Oktober 2026 verstarb unser Posaunist Johannes Brackmann, am 15.12.1954 in Bottrop geboren und nun in Essen begraben. Wir können es nicht fassen.
Johannes „Jonny“ Brackmann spielte Gitarre und Mandoline, seit 1970 E-Bass, dann Kontrabass. 1992 kam die Tenorposaune hinzu. Er war Bassist in zahlreichen Rock- und Funkbands, legendär die Psychodelik- Krautrockgruppe Reaktor 4. Er spielte Kontrabass in verschiedenen lmprovisationsorchestern u.a. mit Eckhard Koltermann, Dietmar Hippler, Hans J. Kanty. Mit der New-Jazz-Gruppe Fortune News gab es eine WDR-Produktion. Zahlreiche Duo- und Trioprojekte entstanden mit Matthias Dornhege (Tuba) und Ralf Bazzanella (sax). Er gehörte zum Cross-Media-Projekt Chachelihöll um den Schweizer Tubisten Matthias Wilhelm und die Fotografien von Ernst Wilhelm. Seit 2000 ist Johannes Mitglied des Quintetts Deep shade of blue des Dortmunder Schlagzeugers Michael Peters. Später gehörte Jonny der Großformation „The Dorf“ um den Saxophonisten und Komponisten Jan Klare an und spielte die Tonträger „Evil“ und „The Dorf“ mit ein. Jonny ließ sich in Workshops und Projekten von Ray Anderson, Ansgar Striepens, Frank Köllges, Peter Brötzmann inspirieren.
1993 entwickelt er mit anderen Musiker:innen, darunter auch jene von schwarz/rot Atemgold 09, die Performance „Man muß sich beeilen, wenn man noch was sehen und hören will“ in der stillgelegten Zeche Fritz in Altenessen. Im Zentrum steht das Stück „Silence“ des Bassisten Charly Haden. Mit ihm markierten wir die Transformation des Raumes von der montanindzsriellen Industrieproduktion zu Industriekultur. Seit dieser Zeit ist Johannes Posaunist bei Schwarz-Rot Atemgold 09 und prägt seitdem das Genre des Ruhrskawolrdjazzbass mit.
Er reist mit uns nach Frankreich, England, in die Beneluxländer und nach Russland, spielt mit schwarz/rot Atemgold 09 in ehrwürdigen Clubs wie der Tonne in Dresden oder beim Jazz-Festival in Leipzig und eröffnet nach Weimar und Essen im Jahre 2019 die Kulturhauptstadt im italienischen Matera.
Es dürfte mit dieser kurzen Aufzählung klar geworden sein, dass Johannes eine bestimmte Musik bevorzugt: Musik als Jazz, als Worldmusik und als improvisierte Musik.
Er lässt sich nicht in einen Musiker, Kulturpolitiker oder Privatmann aufspalten. Das, was er für sich persönlich und auf der politischen Bühne fordert, gilt auch für das Miteinander in seinen musikalischen Formationen: Er fordert einen gleichberechtigten, herrschaftsfreien Umgang der Musiker_innen untereinander, getragen von gegenseitigem Respekt und geteilter Verantwortung. Erst dann lässt sich die Luft befreit in Schwingung versetzen, innerhalb des eigenen Körpers und im Instrument und außerhalb im Auditorium. Dann entsteht der unverwechselbare Sound, den Johannes als Markenzeichen an der Posaune ausmacht, seine spezielle Sprachlichkeit als ästhetische und immer zugleich soziale Geste.
Zugleich soll die Musik Spaß machen und Spaß verbreiten, unterhalten und mobilisieren. Bei einem gelungenen Solo geht es Johannes nicht um musikalisch-technische Fertigkeiten im Sinne von Virtuosität über Tonleitern, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen. Unerschrockenheit, Spontaneität, Unvollkommenheit, Wissen und Mit-Gefühl sind die leitenden Prinzipien seines Ausdrucks. Zweifelsohne kommt ihm dabei am Melodieinstrument zugute, dass er mit seinen Erfahrungen als Gitarrist und Bassist die akkordischen Grundlagen einer Melodie und den passenden Rhythmus spürt, während er dabei ist, eine Melodie zu erfinden. Wir spielen über Jahrzehnte zusammen das Solo über Pata Pata von Miriam Makeba. Es ist der Inbegriff eines interaktiven, dialogischen Geschehens. Ich beginne, er mischt sich im Verlauf ein, greift eine Passage auf, wir treten in ein Frage-Antwort-Spiel ein, wir wechseln zu einem anderen Thema, diskutieren mit zweiten und dritten Stimmen, bis ich mich verabschiede und er noch etwas zu sagen hat. Wie in einem Gespräch auf dem Marktplatz in Steele beziehen wir uns aufeinander, fabulieren und schnabulieren. Es ist ein Austausch, mehr als die Summe von aufeinander folgenden solistischen Monologen. Es sind meine intensivsten und ereignisreichsten Soli ever.
Danke Johannes. Gute Reise Jonny.
Uta für schwarz/rot Atemgold 09 (vorgetragen auf Jonnys Beerdigung am 23. Oktober 2026 auf dem Friedhof in Essen-Freisenbruch, hinterher hat Atemgold spielenderweise als Marching-Band die Urne auf dem letzten Weg begleitet).



Hier bespricht Heinrich „Henry“ Huke 2022 seine Stimme von „Whisperig Desert“mit dem Komponisten Andreas Ruhnke im Studio. Es wird Henrys letzte live Einspielung sein.
